Schweizerische Gesellschaft
für Bedrohte Sprachen

Feldforschung in Burma (Kachin-Sprachen & Khamti)
August–September 2016

André Müller

Im Rahmen meiner Dissertation zum Thema "Sprachkontakt im Norden Myanmars" habe ich zur zusätzlichen Datensammlung vom 3. August bis zum 16. September eine Forschungsreise nach Myanmar unternommen. Die Reise beinhaltete verschiedene Stationen, wie etwa Mandalay, Taunggyi, Lashio und Myitkyina. Im Rahmen des Projektes wurden von mir gezielt Aufnahmen zu bestimmten grammatikalischen Eigenschaften (v.a. das Verbsystem, wie etwa die Verwendung und genaue Bedeutung der Verben "geben" und "bekommen") gemacht, aber auch Texte und mündliche Erzählungen in verschiedenen Sprachen gesammelt und transkribiert.

Abfragen von Verwandtschaftsterminologie bei einer Lisu-Familie (links) | Die Skyline von Taunggyi (rechts)

Der Aufenthalt in Myanmar lief zum Teil mit Kollegen der Universität Zürich ab, die zu einem Teil an den gleichen Orten forschten, allerdings zum Großteil zu anderen Sprachen des Landes. Die Reise begann für mich im Kloster Phaung Daw Oo in Mandalay, das ich schon mehrfach für Sprachaufnahmen besucht hatte, hier konnte ich vor allem nützliche Aufnahmen einer Lisu-Varietät sowie des Lahu machen, zweier sino-tibetischer Sprachen. In Taunggyi im südlichen Shan-Staat wurden vor allem Aufnahmen zum Shan gemacht, einer nicht bedrohten Tai-Kadai-Sprache. Eine dieser Lisu-Varietäten wird in einer modifizierten Variante der burmesischen Schrift geschrieben, über die es meinen Recherchen nach noch keine Beschreibung zu geben scheint (ich habe einiges dazu gesammelt). Danach konnte ich in Lashio, im nördlichen Shan-Staat, in einem katholischen Internat Sprecher verschiedener Kachin-Sprachen ausfindig machen, wie etwa Maru (90'000 Sprecher), Zaiwa (80'000 Sprecher) und Lashi (25'000 Sprecher). Trotz der nicht zu geringen Sprecherzahlen sind diese Sprachen fast ausschließlich mündliche Sprachen; die existierenden Orthographien sind kaum bekannt und es gibt kaum gedruckte Werke in ihnen - das Monopol im gedruckten Bereich sowie zunehmend auch im Gesprochenen haben das Jinghpaw und das Burmesische inne. Es war ein glücklicher Zufall, dass sich die Kirche und das daran angeschlossene Internat nur etwa 2 Fußminuten vom Hotel entfernt war, in dem ich übernachtete. Über hilfreiche Kontakte habe ich dann ebenso zwei Sprecher des Ngochang (10'000 Sprecher) aufnehmen können, einer noch sehr wenig beschriebenen sino-tibetischen Sprache, die sonst weiter im Norden gesprochen wird.

Die Kirche in Lashio, mit dem Internat links daneben (links) | Zwei Ngochang-Sprecherinnen (rechts)

Im Anschluss daran habe ich 18 Tage in Myitkyina verbracht, der Hauptstadt des Kachin-Staates. Auch hier traf ich Sprecher obengenannter sino-tibetischer Sprachen sowie zusätzlich zweier Dialekte des Rawang (insg. ca. 63'000 Sprecher) um Aufnahmen zu machen, aber auch Sprecher des Khamti (13'000 Sprecher), einer mit dem Shan verwandte Tai-Kadai-Sprache, deren Wortstellung stark von der des Shan abweicht, sich aber aufgrund von jahrhundertelangem Sprachkontakt den umliegenden Kachin-Sprachen und dem Burmesischen angeglichen hat. Da es in diesem Gebiet keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, stand mir eine Assistentin mit Motorrad zur Seite, die mir auch bei den Aufnahmen, bei der Organisation von Informanten, sowie bei Verständigungsschwierigkeiten half. Sie war zudem auch meine Sprachinformantin der dortigen Verkehrssprache Jinghpaw.

Die Manau-Pfeiler in Myitkyina, das Symbol der Kachin (links) | Interview mit zwei Khamti-Sprechern (in Myitkyina) (rechts)

Abgesehen von den nicht bedrohten lokalen Verkehrssprachen Jinghpaw und Shan, habe ich während des anderthalbmonatigen Aufenthalts in Myanmar sehr viele hilfreiche Daten zu den verschiedenen Sprachen sammeln können, die mir vor allem für den Teil meiner Dissertation nützlich ist, die sich vergleichend mit den Verbalkomplexen der Sprachen Myanmars beschäftigt. Zusätzlich zu den jeweils etwa 11-stündigen Aufnahmen des Jinghpaw und des Shan, die beide einen Schwerpunkt meiner eigentlichen Arbeit bilden, habe ich zu den kleineren Sprachen der Region etwa 34½ Stunden Audio-Aufnahmen sammeln können, sowie viele nützliche Wörterbücher, Zeitschriften, religiöse Schriften, Lehrhefte und Geschichtensammlungen in diversen Sprachen erwerben können. Mit diesen Daten ließ sich auch ein neues Korpus der Sprache Zaiwa beginnen, von der bisher nur die in China gesprochene Variante näher beschrieben ist. Die Arbeit an den Korpora für Jinghpaw und Zaiwa sind noch nicht abgeschlossen.

Ausschnitt aus einem Plakat in Lisu-Schrift (in Myitkyina)

Insgesamt bin ich mit den Ergebnissen meines Aufenthaltes sehr zufrieden. Ich konnte sehr viel Material über die Verbalsysteme der Kachin-Sprachen und die soziolinguistischen Einstellungen ihrer Sprecher sammeln. Ich habe ebenso Kontakte für weitere Feldforschungsreisen knüpfen können, die mir vor allem für Maru, Zaiwa und Khamti nützlich sein können. Leider war es mir zeitlich nicht möglich, mich mit Sprechern des Ngochang zu treffen, über das ich sehr gerne noch mehr herausgefunden hätte. Dies wird sich aber bei einer weiteren Reise hoffentlich ergeben.