Schweizerische Gesellschaft
für Bedrohte Sprachen

Feldforschung in Ecuador
Juni–August 2018

Nora Julmi

Im Rahmen meiner Masterarbeit mit dem Titel "A phonological description of Cha'palaa" unternahm ich im Sommer 2018 eine Feldforschungsreise nach Ecuador. Das Hauptziel bestand darin, Sprachdaten zur Phonologie des Cha'palaa zu sammeln und analysieren. Cha'palaa ist eine der ungefähr vierzehn indigenen Sprachen Ecuadors und wird heute von über 10'000 Personen - den Chachis - gesprochen. Die Chachis leben vorwiegend in der nordwestlichen Provinz Esmeraldas im tropischen Regenwald entlang des Flusses Cayapas und seinen Zuflüssen.

Unterwegs auf dem Fluss Cayapas (links) | Im Chachi-Dorf (rechts)

In diese Region führte mich daher auch meine Reise, genauer gesagt zu einem kleinen Dorf, das nach ungefähr sechs Stunden Kanufahrt flussaufwärts erreicht wird. Dort sammelte ich den Grossteil der Daten für meine Arbeit, nachdem die ersten Elizitierungssitzungen mit Informanten in der Hauptstadt Quito abgeschlossen waren, wo ich meine Reise begonnen hatte.

Bei der Arbeit in Quito... (links) | ...und im Chachi-Dorf (rechts)

Obwohl die Grammatik des Cha'palaa seit den letzten Jahren deutlich besser erforscht ist, kann die Sprache noch immer als unterdokumentiert betrachtet werden. Insbesondere gab es nur unzureichende Beschreibungen im Bereich der Phonologie und ebendiese Lücke sollte mit meiner Arbeit gefüllt werden. Ein besseres Verständnis der phonologischen Strukturebene ist nicht nur wichtig für eine umfassende Sprachdokumentation im Allgemeinen, sondern im Falle des Cha'palaa auch fundamental für die Analyse seiner Grammatik im weiteren Sinne sowie seiner geschichtlichen Entwicklung.

Während meines Aufenthalts im Chachi-Dorf konnte ich allerdings nicht nur wertvolle Sprachdaten sammeln und Aufnahmen machen, sondern nebenbei auch viel Spannendes über die Kultur der Chachi erfahren, beispielsweise über ihre traditionelle Korbflechtkunst, die medizinische Verwendung einheimischer Pflanzen, den Anbau verschiedener Gemüse- und Früchtesorten, die sozialen Strukturen, das Familienleben und überhaupt ihren Alltag. Besonders interessant war eine Dschungelwanderung mit drei ortskundigen Chachis, auf der ich viel über die lokale Pflanzen- und Tierwelt lernen durfte.

Dorfleben am Fluss (links) | Traditionelles Korbflechten (rechts)

Verschiedene Anlässe vor der eigentlichen Feldforschungsreise haben meine Arbeit unterstützt und ergänzt. Besonders erwähnenswert ist an dieser Stelle die Amazonicas-Konferenz, die 2018 in Baños, Ecuador stattfand. An dieser Konferenz hatte ich die Gelegenheit die aktuellsten Projekte und Forschungsfragen zu den indigenen Sprachen der Region kennenzulernen. Im Anschluss daran wurde an der San Francisco Universität in Quito eine Sommerschule durchgeführt, die unter anderem dank verschiedenen Kursen zu Feldforschungsmethoden ebenfalls sehr hilfreich als Vorbereitung für mein Projekt war.

Baños (links) | San Francisco Universität in Quito (rechts)

Rückblickend kann ich festhalten, dass diese Reise ein voller Erfolg war. Meine Ziele wurden erreicht, die für meine Arbeit nötigen Daten gesammelt und damit das Fundament für Analysen zu weiteren Aspekten der Sprache und künftige Forschungsreisen gelegt. Neben den Kontakten mit verschiedenen Sprechern des Cha'palaa habe ich dank dieser Reise in Zukunft auch die Möglichkeit mit Sprechern der Schwestersprache Tsafiki zu arbeiten. Nun hoffe ich, dass sich bald eine Gelegenheit für eine weitere Reise ergeben wird.